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Aktuelles


16. September 2021

Die MIDEM-Studie zu den sozialräumlichen und politisch-kulturellen Rahmenbedingungen von Corona in Sachsen erzeugt weiterhin große Medienresonanz

Vor allem die Impfquote in Sachsen stößt dabei auf großes gesellschaftliches Interesse. Im Impfquotenvergleich belegt Sachsen in Deutschland den letzten Platz.

Über die Gründe und eine mögliche Impfskepsis spricht Forum MIDEM-Direktor Hans Vorländer mit dem NDR. Den gesamten Beitrag können Sie sich hier anhören: Zum Beitrag.

Die MIDEM-Studie "COVID-19 in Sachsen. Sozialräumliche und politisch-kulturelle Rahmenbedingungen des Pandemiegeschehens." können Sie sich hier ansehen: Zur Studie.


9. September 2021

Übersicht zur Berichterstattung über die Covid-19-Studie des Forum MIDEM

Die Veröffentlichung der neuen MIDEM-Studie "COVID-19 in Sachsen. Sozialräumliche und politisch-kulturelle Rahmenbedingungen des Pandemiegeschehens." stieß auf eine hohe Medienresonanz. Einen Auszug aus der medialen Berichterstattung finden Sie hier:

09.09.2021, Kölnische Rundschau
Muss mehr für die Impfquote getan werden?

08.09.2021, Frankfurter Rundschau (auch erschienen in: Zeit online, Welt online, Radio Gong 96.3, Augsburger Allgemeine, Rhein-Neckar-Zeitung, Handelsblatt, Sächsiche.de, Stern.de, tz.de)
Warum im Osten weniger geimpft wird 

02.09.2021, t-online 
Was ist bloß in Sachsen los?

01.09.2021, Tagesschau 
Wo der "Impfturbo" nicht zündet

29.08.2021, Frankfurter Rundschau 
Impfschlusslicht Sachsen

25.08.2021, MDR Sachsenspiegel
Corona: Impfskepsis in Sachsen tief verankert 

25.08.2021, MDR Sachsen 
Sozialministerium will im Erzgebirge für Corona-Impfungen werben

25.08.2021, Neues Deutschland
Corona-Impfung Sachsen: "Ich hab's getan" - oder auch nicht

24.08.2021, Der Tagesspiegel
Sachsen wirbt jetzt gezielt in Haushalten von Impfskeptikern

24.08.2021, RTL.de
Sachsen will Impfskeptiker gezielt ansprechen

24.08.2021, Medienservice Sachsen
Sozialministerium untersucht Erreichbarkeit von Impfskeptikern im Erzgebirge

24.08.2021, MDR  
Impfdurchbrüche in Sachsen extrem selten 

05.08.2021, Markus Lanz - ZDF
mit Statements zur MIDEM Studie

05.07.2021, MDR
Warum Sachsen beim Impfen Schlusslicht ist

23.06.2021, RTL.de
Kein Land der Querdenker: Köpping verteidigt Corona-Politik

22.06.2021, Sächsische Zeitung
Ist der Kreis Görlitz ein Impfgegner-Land?

18.06.2021, Leipziger Zeitung
Gesundheitsministerin bewertet regionale und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse der MIDEM-Studie

17.06.2021, Blick.de
Gespaltene Akzeptanz der Sachsen für Corona-Maßnahmen und Impfungen

17.06.2021, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Auf der Suche nach dem Kernland der Querdenker

17.06.2021, Leipziger Zeitung
MIDEM-Studie zu COVID-19 in Sachsen: Ein Völkchen zwischen Corona-Verschwörung und hoher Impfbereitschaft

17.06.2021, Mitteldeutsche Zeitung
Impf-Skepsis, Verschwörungsdenken und Regierungskritik: Lager der Corona-Kritiker in Sachsen stark ausgeprägt

17.06.2021, Redaktionsnetzwerk Deutschland
Studie: Sachsen ist nicht das Land der Querdenker und Impf-Skeptiker

16.06.2021, DNN
Erste regionale Studie: So bewerten Sachsen die Corona-Maßnahmen, die Impf-Kampagne und die „Querdenker“

16.06.2021, Sachsen.de
Gesundheitsministerin bewertet regionale und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse der MIDEM-Studie

16.06.2021, BILD
Fast jeder zweite Sachse glaubt an Impf-Verschwörung

16.06.2021, Die Sachsen
Lager der Corona-Kritiker in Sachsen stark ausgeprägt

16.06.2021, Freie Presse (auch erschienen u.a. bei n-tv, RTL, Sueddeutsche Zeitung, t-online, Welt, ZEIT )
Sachsen gespalten bei Einstellung zu Corona-Maßnahmen

16.06.2021, Informationsdienst Wissenschaft
Neue MIDEM-Studie zeichnet differenziertes Stimmungsbild über die Einschätzung der Covid-19-Maßnahmen in Sachsen

16.06.2021, Leipziger Volkszeitung
Erste regionale Studie: So bewerten Sachsen die Corona-Maßnahmen, die Impf-Kampagne und die „Querdenker“

16.06.2021, MDR 
Neue Studie zu Corona-Maßnahmen in Sachsen zeigt ein gespaltenes Land

16.06.2021, MDR
Studie belegt ausgeprägte Corona-Kritik in Sachsen

16.06.2021, MDR Sachsenspiegel
Fast die Hälfte der Sachsen mit Corona-Management unzufrieden

16.06.2021, Sächsische Zeitung
Besonders viele Corona-Kritiker in Sachsen

16.06.2021, Tag24
Sachsen, Land der "Querdenker"? So denken die Bürger übers Impfen und die Corona-Regeln

16.06.2021, TU Dresden
NEUE MIDEM-STUDIE ZEICHNET DIFFERENZIERTES STIMMUNGSBILD ÜBER DIE EINSCHÄTZUNG DER COVID-19- MASSNAHMEN IN SACHSEN


9. August 2021, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Wie belastbar ist die Demokratie?

Radikale Protestbewegungen werden mit dem Ende der Corona-Pandemie nicht verschwinden. Sie suchen sich ihre Krisen und sehen in ihnen Signalereignisse, um gegen das System der liberalen und repräsentativen Demokratie Stimmung zu machen. Entscheidend für die demokratische Resilienz wird sein, ob die politische Mitte zusammenhält und die Institutionen gepflegt werden.

Ganz ohne Frage ist die Demokratie unter Druck geraten. Die Corona-Pandemie war zunächst die Stunde der Exekutive. Die Handlungsfähigkeit staatlicher Institutionen in den existenziellen Fragen von Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod wurde auf die Probe gestellt. Damit ist die Pandemie zu einem Test für die Effektivität demokratischen Krisenhandelns geworden.

Mit dem sich in Krisenzeiten zurückmeldenden starken Staat aber sind auch demokratische Kosten verbunden. Sie kommen in den digitalen Netzwerken, aber auch auf den Straßen als Protest gegen die Einschränkungen von Mobilität, Freizügigkeit, Versammlungsfreiheit und ökonomischen Betätigungsrechten zum Ausdruck. Die Schließung nationaler Grenzen, die Erklärung des Notfalls oder die Verhängung des Ausnahmezustands in vielen Ländern Europas ließen Teile der Bevölkerung und der Medien befürchten, es drohe die autokratische oder gar diktatorische Aushebelung individueller und kollektiver Rechte sowie demokratisch-parlamentarischer Beteiligungsrechte. Dabei spielten auch Befürchtungen eine Rolle, die schon während der Zeit der Banken-, Finanz- und Eurokrise entstanden waren. Mit der Herrschaft der Experten, jetzt der Virologen, sahen sie die Vorherrschaft des epistemokratischen Nomos über die Normen demokratischer Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse heraufziehen.

Stets die selben Muster

Ein bekanntes Reaktionsmuster zeigten populistische Empörungsbewegungen und politische Kräfte: Wie schon in der Migrationskrise des Herbstes 2015 wurde nun in sogenannten „Hygiene-Demonstrationen“ behauptet, dass „die da oben“ am Volk vorbei regierten, ja dass sie von fremden Mächten, der Pharmalobby oder den langen Armen reicher Männer gelenkt wären.

Hybride Proteste, wie sie von den unterschiedlichsten Gruppen, von „Querdenkern“, Verschwörungsideologen, Impfgegnern, Esoterikern, Rechtsextremisten, Hooligans, Kampfsportlern und Reichsbürgern organisiert wurden, entfesselten dabei ein schon von der PEGIDA-Bewegung her bekanntes Momentum kollektiver Erregung und Stimmungsaufwallung. Dabei wirkten vor allem extremistische Gruppen und rechtsradikale Strömungen als Brandstifter. Sie nutzen die mit der Pandemie verbundenen Sorgen, Ängste und Bedrohungen als Mobilisierungschance, um Teile eines verunsicherten Bürgertums für sich zu gewinnen und gegen das demokratische System in Stellung zu bringen. Mit der Berufung auf ein vermeintliches Widerstandsrecht wurde und wird ein Klima der Polarisierung erzeugt, aus dem heraus sich Aggressivität eskalieren lässt und Gewalttaten legitimieren lassen.

Schon zuvor musste der rasante Aufstieg des (Rechts-)Populismus in Europa und den Vereinigten Staaten als Zeichen grundlegender gesellschaftlicher und politischer Verwerfungen gewertet werden. Nun sind Populismen sind nicht per se schlecht. Sie zeigen zunächst an, dass etwas schiefläuft. Vor allem scheint das Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten aus der Balance geraten zu sein. Populismen gelingt es, mit Slogans wie „Wir sind das Volk“ gegen „Elite“ und „Establishment“ Stimmung zu machen, die bestehenden politischen Verhältnisse radikal infrage zu stellen und – im besten Fall – für eine Veränderung oder gar Erneuerung der Demokratie zu sorgen.

Sosehr Populismen Symptom einer Krise sind, so sehr verschärfen sie diese aber auch. Das gilt in besonderem Maß für die autoritären Rechtspopulismen: Sie spalten Gesellschaften, grenzen aus, machen Front gegen Institutionen, die die behauptete Einheit von populistischen Führern und Volk infrage stellen. Sie wollen direkt und unmittelbar, ohne vermittelnde Instanzen regieren, administrieren und kommunizieren – am besten mit Dekreten und Twitter-Botschaften. Auf der Strecke bleiben Parlamente, Gerichte, freie Presse, Minderheiten, kritische Bürger. So wird die Axt an die liberale und repräsentative Demokratie gelegt.

Liberale Demokratie unter Druck

Mit den Krisen kommen die Krisendiagnosen. Die Entwicklungen der vergangenen Jahre haben immer wieder die Frage nach dem Zustand der Demokratie aufgeworfen. Die Antworten sind mal mehr, mal weniger dramatisch ausgefallen, aber durchgängig besorgniserregend. So wird von den einen vermutet, die gegenwärtigen Demokratien durchliefen einen Prozess des Niedergangs, des Verfalls und des Sterbens. Andere diagnostizieren zumindest ein „backsliding“ der nach 1990 erfolgten Zunahme demokratischer Regierungsformen oder eine Regression, an dessen Ende eine autoritäre oder autokratische Regierungsform stehen könnte.

Auf jeden Fall – und daran gibt es wohl kaum einen Zweifel – ist für die liberale, repräsentative Demokratie, die die Herrschaft des Volkes mit dem Schutz der Grund- und Menschenrechte zu vereinbaren weiß, eine Zeit besonderer Anfechtungen angebrochen. Denn mit Viktor Orbáns Diktum von der „illiberalen Demokratie“ hat ein Gegenprojekt einen Namen erhalten, in dem bekämpft wird, was formative Prinzipien der konstitutionellen Demokratie sind: die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit von Justiz und Medien, die Freiheit der Meinungsäußerung, der diskriminierungsfreie Umgang mit Minderheiten und die Anerkennung soziokultureller Vielfalt.

Tatsächlich deuten empirische Befunde darauf hin, dass die Zahl der liberalen Demokratien in Europa und der Welt rückläufig ist, nachdem sie infolge des Zusammenbruchs sozialistischer Systeme nach 1990 stark zugenommen hatte. Seit etwa zehn Jahren weisen viele Anzeichen in Richtung einer „Autokratisierung“, also der Transformation liberaler Demokratien in Formen autoritärer Allein- oder Parteienherrschaft. Diese Tendenz ist nicht nur in asiatisch-pazifischen und zentralasiatischen Regionen zu beobachten und auch nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in Mittel- und Osteuropa.

Insgesamt befindet sich die Demokratieentwicklung nach Einschätzung des im schwedischen Göteborg koordinierten Forschungsnetzwerkes „Varieties of Democracy“ heute wieder auf dem Niveau von 1990. Vor allem die Zahl der liberalen Demokratien verringerte sich danach in der letzten Dekade von 41 auf 32 Länder, wohingegen die Zahl der sogenannten rein „elektoralen“ Demokratien signifikant zugenommen hat. Gemeint sind damit Demokratien, in denen zwar Wahlen ermöglicht, aber grundlegende demokratische Prinzipien wie der Schutz von Grund- und Menschenrechten, der Unabhängigkeit von Medien und Justiz und der Bedingungen fairen politischen Wettbewerbs beeinträchtigt oder missachtet werden.

Bewusste Autokratisierung

In den Staaten Mittel- und Osteuropas sind diese Entwicklungen nicht primär auf die Krisen der vergangenen Jahre zurückzuführen. Ministerpräsidenten und Regierungsmehrheiten, so etwa von Fidesz in Ungarn oder PiS in Polen, haben sie bewusst herbeigeführt. Krisen haben diese Tendenzen allerdings verstärkt, weil sie den Regierenden Vorwand und Möglichkeiten zu autoritärer Nutzung und autokratischem Umbau der Institutionensysteme gegeben haben. Dass gleichwohl weder das Vertrauen in die jeweiligen Regierungen noch das Maß an Zufriedenheit abgenommen haben, sondern beides teilweise sogar gestiegen ist, zeigt das Maß an Unterstützung für diesen autoritären Umbau der Demokratie in diesen Ländern, auch wenn es erhebliche Widerstände gibt und die Gesellschaften gespalten erscheinen.

In Nord-, West- und Südeuropa, in denen der Typus der liberalen Demokratie vorherrscht, haben die Krisen der zurückliegenden Jahre unterschiedliche Effekte auf Regierungsvertrauen und Demokratiezufriedenheit gehabt. Vordergründig zeigen die empirischen Indikatoren des „Eurobarometers“, dass in den vergangenen Krisen die Zufriedenheit der Bevölkerung mit der Demokratie nicht dramatisch zurückgegangen ist. Partiell hat sich mangelndes Vertrauen in nationales Entscheidungshandeln der Regierungen auch als abnehmende Demokratiezufriedenheit zu erkennen gegeben – wobei hier von Land zu Land Unterschiede zu erkennen und auf unterschiedliche Faktoren zurückzuführen sind.

In den Staaten des europäischen Südens, vor allem in Griechenland, Spanien und Portugal, hatten sich infolge von Euro- und Staatsschuldenkrise und den Stabilisierungsmechanismen von Internationalem Währungsfonds, Europäischer Zentralbank und Europäischer Kommission soziale und ökonomische Verwerfungen gezeigt, die auf Regierungsvertrauen und Demokratiezufriedenheit durchschlugen. In Italien liegen die Werte in beiden Dimensionen traditionell sehr niedrig. In Frankreich wiederum lassen sich Regierungsvertrauen und Demokratiezufriedenheit eher als Ausdruck der Zustimmungsraten zum jeweiligen Präsidenten und dem Protestverhalten auf der Straße, etwa dem der „Gelbwesten“, denn als unmittelbare Reaktion auf die großen Krisen der letzten Jahrzehnte lesen.

Doch lassen sich in der Banken-, Euro- und Migrationskrise auch vertrauensstabilisierende Effekte erkennen, die auf entschiedenes Regierungshandeln zurückzuführen sind. Das zeigt sich in den nordischen Ländern und insbesondere in Deutschland. Denn die Krisen waren immer auch Momente starker kommunikativer Interventionen, die darauf abzielten, Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit der verantwortlichen Akteure zu wecken und Befürchtungen in der Bevölkerung zu zerstreuen. So traten in der Bankenkrise Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück an einem Sonntagabend vor die Kamera, um den Sparern zu versichern, dass ihre Bankeinlagen sicher seien. Der damalige Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, ließ keinen Zweifel an seiner Absicht, den Euro mit allen verfügbaren Mittel – „whatever it takes“ – zu retten. Und Merkels „Wir schaffen das“ sollte in der Migrationskrise als Zeichen der Zuversicht gewertet werden.

Offensichtlich konnte das Kommunikationsmanagement in diesen Fällen das Schutz- und Sicherheitsbedürfnis der Mehrheit der Bevölkerung befriedigen. Auch nachfolgende Maßnahmen scheinen die Erwartungen an erfolgreiches Krisenmanagement nicht durchgehend enttäuscht zu haben. Im Blick auf die Corona-Krise zeigen empirische Befunde ähnliche Trends. Im Frühjahr und Sommer 2020 war das Regierungshandeln von hohem Vertrauen und hoher Zustimmung getragen, ehe es im Winter 2020/21 in eine Vertrauenskrise geriet, um sich dann im Verlauf des späten Frühjahrs 2021 mit dem Rückgang der Inzidenzen wieder zu erholen. Bemerkenswert ist, dass die Zufriedenheitswerte in Deutschland, wie in den vorgehenden Krisen, durchgehend höher sind als in vielen anderen Ländern, vor allem im Süden und Westen Europas.

Die Krisen der zurückliegenden Jahre schlagen also nicht generell und im gleichen Maße auf die Demokratien und ihre Stabilität durch. Insofern kann der Typus der liberalen und repräsentativen Demokratie dort, wo er bereits unterschiedliche Krisen über eine lange Zeit bewältigt hat, als relativ robust bezeichnet werden. Überhaupt zeigen auch die empirische und die vergleichende Krisenforschung, wie sie etwa zuletzt der an der New York University lehrende Adam Przeworski bilanziert hat, dass es keine allgemeingültigen, überhistorischen Kausalitäten gibt, die das Scheitern oder den Verfall von Demokratien erklären oder die Grenzen ihrer Belastbarkeit erkennen lassen könnten.

Die Rahmenbedingungen sind entscheidend

Wann die uns bekannte, liberal-repräsentative Demokratie in eine Form autokratischer Demokratie abgleitet, in der zwar gewählt wird, aber grundlegende Rechte, die Wahlfreiheit und die Chancengleichheit beschnitten oder abgeschafft worden sind, lässt sich zwar an einigen Indikatoren messen. Aber die entscheidenden Kipppunkte bleiben nur in den jeweiligen Kontexten erkenn- und manchmal erst rückblickend bestimmbar. Warum die Weimarer Republik zerfiel, die Demokratien in anderen Ländern, etwa in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien, trotz großer wirtschaftlicher Krise und Massenarbeitslosigkeit Bestand hatten, lässt sich nur mit Blick auf die jeweiligen historischen, soziokulturellen und politischen Rahmenbedingungen erklären.

Auch die Machtergreifung oder der offene Putsch sind nicht die Regel, sondern nur ein Fall unter vielen denk- und beobachtbaren Konstellationen, um Demokratien beseitigen. Indes haben sich in den vergangenen Jahren Akteure in zunehmendem Maß darauf verlegt, demokratische Institutionen und Methoden zu nutzen, um die Demokratie von innen her autokratisch zu überformen und auf Dauer umzubauen.

Gerade die Gewalten, die unbeschränkte Herrschaft einhegen und kontrollieren, werden dabei geschwächt oder eliminiert. Im Modus der Unmittelbarkeit soll so die Einheit von plebiszitärer Bewegungsdemokratie und Führer etabliert werden. Das ist das Umsturzszenario des Trumpismus. Der Dammbruch vom 6. Januar 2021, die Erstürmung des Kapitols in Washington, hat denn auch Zweifel am Glauben an die Unverbrüchlichkeit demokratischer Ordnungen in einem Land wachsen lassen, bei dem es sich um eine vermeintlich konsolidierte, krisenerfahrene Demokratie handelt. Die Frage ist, ob die uns bekannten Demokratien so starke Resilienzen entwickelt haben, dass sie offenen Versuchen oder schleichenden Prozessen ihrer Destabilisierung widerstehen können.

Die Widerstandsfähigkeit von Demokratien hängt dabei entscheidend von ihrer institutionellen und politisch-kulturellen Infrastruktur ab: Institutionen müssen autokratische Übergriffe abwehren können und absolute Machtansprüche zurückweisen. Liberale Demokratien haben hier über Jahrzehnte durch Mechanismen der Gewaltenteilung hemmende Gegengewichte geschaffen. Nicht zuletzt Verfassungsgerichte weisen die Exekutive und dort, wo sie über Gesetze richten kö nnen, auch die Legislative im Namen der Verfassung und der Grund- und Menschenrechte in Grenzen. Daher haben die autokratischen Bestrebungen von Trump, Orbán oder der polnischen PiS genau dort angesetzt. Die Bänke der (Verfassungs-)Gerichte haben sie mit Parteigängern zu besetzen oder die Kompetenzen der Verfassungsorgane zu beschneiden versucht.

Das deutsche Bundesverfassungsgericht hingegen ist trotz gelegentlicher Kritik an einzelnen Entscheidungen von einem hohen generellen Vertrauen und einer starken Einbettung in die gewachsene politische Kultur getragen. Politisch motivierte Interventionen würden daher selbst dann auf starke Widerstände treffen, wenn es die Mehrheitsverhältnisse zuließen.

Anders steht es um den Parlamentarismus und die politischen Parteien. Sie haben in allen Demokratien an Akzeptanz verloren, wie auch generell die Form der Repräsentanz politischer Willens- und Entscheidungsbildung an Zustimmung verloren hat. Zum einen äußern Bürger in vielen Befragungen immer wieder eine Präferenz für direktdemokratische Verfahren, zum anderen verweisen auch die populistischen Bewegungen der jüngsten Vergangenheit auf Repräsentationslücken, in die selbst ernannte Anwälte des Volkes hineinstoßen, um das Establishment von Politik und Medien als „abgehoben“ oder gar „korrupt“ zu geißeln. Umgekehrt reklamieren Bürger, dass sie „nicht gehört“ oder gar „abgehängt“ worden seien.

Im Populismus zeigt sich die Entfremdung

In alldem geben sich Zeichen einer Entfremdung zu erkennen, die zugleich auf die Schwachstelle repräsentativer Demokratien zielen: die Distanz von Regierenden und Regierten, von Demokratie als einem funktional ausdifferenzierten Entscheidungssystem und Demokratie als gesellschaftlicher Lebensform mit dem Versprechen umfänglicher und gleichberechtigter Teilhabe.

Umso stärker kommt es hier auf die Vermittlung beider Bereiche an. Allerdings befindet sich die soziale und kulturelle Infrastruktur der Demokratie in einem Prozess fortschreitender Auflösung: Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Stammtische und Vereine verlieren immer stärker ihren bindenden, organisierenden, aber auch integrierenden Charakter. Damit verliert die Demokratie wichtige intermediäre, zwischen der politischen und der lebensweltlichen Ebene vermittelnde Institutionen.

Vielerorts in Europa organisieren sich bürgerschaftliche Initiativ- wie politische Protestgruppen nur noch außerhalb von Parteien. Mehr noch: Fast scheint es so, als seien nur noch „Bewegungen“ in der Lage, die politische Agenda zu bestimmen und öffentliche Aufmerksamkeitsräume zu besetzen.

Wo das traditionelle Parteiensystem, das sich seit 1945 relativ fest und milieuverankert in christlich-konservative und sozialistisch-sozialdemokratische Lager organisierte, in den vergangenen Jahrzehnten implodierte, wie es in Italien in den 1990er-Jahren und zuletzt in Frankreich der Fall war, sind an ihrer Stelle Bewegungen wie Forza Italia oder La République en marche (LRem) entstanden, die starke Führungsfiguren wie Berlusconi oder Macron an die Regierung brachten. In Österreich machte der heute noch amtierende Kanzler 2017 aus der ÖVP die „Liste Sebastian Kurz“. Längst hat hier eine Transformation der liberalen Parteiendemokratie stattgefunden, die auf einer gegen die vermeintlich erschöpften „Altparteien“ gerichtete Bewegungsstruktur mit radikalem Erneuerungsanspruch beruht. Damit einher ging eine Hyperpersonalisierung, die vordem durch institutionelle Parteienbindung eingehegt worden war. In Europa verlaufen diese Entwicklungen überwiegend in den etablierten konstitutionellen Bahnen. Aber Trump hat gezeigt, dass sie sich autokratisch überformen lassen.

Bewegungsdemokratien aber sind äußerst labil, sie delegitimieren die Verfahren repräsentativer Demokratie, und nur selten lassen sie sich in neue feste Strukturen einer Partei überführen, wie es das schlechte Abschneiden der französischen LRem soeben bei den Regionalwahlen gezeigt hat. Wo sich zwei Bewegungslager gegenüberstehen, wie in Italien mit Beppe Grillos Cinque Stelle einerseits und Matteo Salvinis Lega und Giorgia Melonis Fratelli d’Italia andererseits, scheint es dann nur noch zwei Wege zur Regierungsbildung zu geben: den Panpopulismus, praktiziert von Giuseppe Conte und Salvini 2018/19, oder die Autorität des unabhängigen Fachmanns, so Mario Monti als Ministerpräsident von 2011 bis 2013 und jetzt Mario Draghi. In Deutschland scheint sich vorerst noch der repräsentative Demokratiemodus dank einer sich ausdifferenzierenden Parteienlandschaft halten zu können. Doch sind auch hier die Tendenzen zu einer weiteren (Hyper-)Personalisierung des politischen Prozesses nicht zu verkennen.

Auch haben die neuen sozialen Medien längst eine grundlegende Transformation der Öffentlichkeit bewirkt. War traditionell der öffentliche Meinungs- und Willensbildungsprozess stark von den audiovisuellen und den Printmedien geprägt, so treten seit geraumer Zeit die Formen der Internetkommunikation in den Vordergrund. Diese operiert schneller und vermag anlassbezogen politische Artikulation und Protest zu organisieren sowie eruptive Aufwallungen politischer Stimmungslagen zu erzeugen. Wo Wut, Zorn und Aggression, Skandalisierung und Verschwörungsdenken, Fake News und durch Algorithmen gesteuerte Trolls das Meinungsbild bestimmen, bringt das digitale Zeitalter einen neuen politischen Typus hervor, den der Empörungs-, Erregungs- und Stimmungsdemokratie.

Die „vernetzten vielen“ besitzen Macht, besitzen aber keine institutionelle Anbindung an das politische Entscheidungssystem. Sie setzen aber die repräsentativen Prozesse unter Zeit-, Reaktions-, Entscheidungs- und Legitimationsdruck. Zugleich fehlt es an Foren der Verständigung, des Abgleichs von Präferenzen und Interessen, der Aushandlung des Verallgemeinerbaren.

Krisen als Brenngläser

Auch können Milieus in ihren unterschiedlichen Lebenslagen und -stilen unvermittelter aufeinanderstoßen und sich in aufgeheizten gesellschaftlichen Diskursen wechselseitig als Gegner identifizieren. Kämpfe um kulturelle Identitäten machen jedoch das Alltagsgeschäft repräsentativer Demokratien, nämlich die Suche nach Kompromissen, zunehmend schwieriger.

Krisen wirken wie Brenngläser, machen sichtbar, was bislang verborgen war, aber sich schon länger unter der Oberfläche vollzogen hat. Sie sind auch Katalysatoren und verstärken soziale, ökonomische und kulturelle Bruchlinien. Die unterschiedlichen Entwicklungen in urbanen und ländlichen Räumen, die konträren Weltdeutungen von kosmopolitisch-libertären und lokal verwurzelten, traditionsorientierten Milieus sowie die sozioökonomischen Diskrepanzen in und zwischen den Nationalstaaten verlangen nach politischen Artikulations- und Repräsentationsformen. Es ist nicht davon auszugehen,

dass radikale Protestbewegungen nach dem Ende der Corona-Pandemie verschwinden. Sie suchen sich ihre Krisen und sehen in ihnen Signalereignisse, um Themen auch in der politischen Mitte zu platzieren und prinzipielle Verunsicherungen oder aktuelle Katastrophen als Chance der Mobilisierung gegen das System der liberalen und repräsentativen Demokratie zu nutzen.

Weil sich auch die Demokratie, wie wir sie kennen, verändert hat, braucht sie andere Formen und Verfahren, um den Herausforderungen auf demokratische Weise zu begegnen. Entscheidend für die demokratische Resilienz wird sein, ob die politische Mitte zusammenhält und die Institutionen gepflegt werden.

Der Artikel ist am 9. August 2021 in der Frankfruter Allgemeinen Zeitung erschienen. Autor ist Prof. Dr. Hans Vorländer, Direktor des Mercator Forum Migration und Demokratie und des Zentrums für Verfassungs- und Demokratieforschung an der TU Dresden.

Hier ist der Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verfügbar.  


16. Juni 2021

Erste repräsentative Studie zu den sozialräumlichen und politisch-kulturellen Rahmenbedingungen von Corona in Sachsen: Starke Verbreitung von Impfskepsis, Regierungskritik und Verschwörungsdenken. Deutliche Unterschiede zwischen Nord-, Südwest und Ostsachsen

Neue MIDEM-Studie zeichnet differenziertes Stimmungsbild über die Einschätzung der Covid-19-Maßnahmen in Sachsen (hier gehts zur Studie)

Seit anderthalb Jahren wird Sachsen von der Pandemie bestimmt und zählte im Winter 2020/2021 zu einer der Regionen Deutschlands mit den höchsten Inzidenzwerten. Vor diesem Hintergrund wurde vielfach vermutet, dass gerade in Sachsen bestimmte sozialräumliche und politisch-kulturelle Faktoren die Infektionslage zusätzlich verschärft haben. Ist Sachsen also das ‚Kernland der Querdenker‘ mit einer ‚renitenten‘ Bevölkerung?

Dieses Bild ist zurückzuweisen. Die Einstellungen der Sächsinnen und Sachsen zur Corona-Politik unterscheiden sich insgesamt nicht grundlegend von denen in Gesamtdeutschland. Allerdings ist gerade in Sachsen das Lager der Corona-Kritiker stark ausgeprägt. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist mit dem staatlichen Corona-Management unzufrieden. 30 Prozent der Sächsinnen und Sachsen bewerten die seit Anfang 2020 ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus als „nicht sinnvoll“. 42 Prozent zeigen Verständnis für die Corona-Proteste, 20 Prozent wollen sich „eher nicht“ oder „auf keinen Fall“ gegen COVID-19 impfen lassen, 22 Prozent neigen gar einem Corona-bezogenem Verschwörungsdenken zu.

Zu diesem Ergebnis kommt die vom Mercator Forum Migration und Demokratie und dem Zentrum für Verfassungs- und Demokratieforschung durchgeführte Studie über die Einschätzung der Bürgerinnen und Bürger zu den Corona-Maßnahmen im Bundesland.

Ziel der Untersuchung war es, die bereits bestehenden Forschungsergebnisse aus den Bereichen Medizin und Gesundheitswissenschaft um den Einfluss der soziodemographischen und sozialräumlichen Rahmenbedingungen des Pandemiegeschehens in Sachsen zu ergänzen.

Die Ergebnisse zeichnen ein gespaltenes Bild, erklärt der Studienleiter und MIDEM-Direktor Prof. Dr. Hans Vorländer: „Auf der einen Seite zeigt sich eine knappe Mehrheit mit dem Corona-Management von Bundesregierung und sächsischer Landesregierung zufrieden. Rund die Hälfte der Sächsinnen und Sachsen bedauert es gar, dass die Politik bei der Bekämpfung der Pandemie ‚nicht härter durchgegriffen‘ hat. Eine überwältigende Mehrheit von 74 Prozent der Befragten findet es außerdem gut, wenn ‚die Politik in der Krise vorrangig dem Rat etablierter Wissenschaftler und Experten folgt‘.“

Vorländer führt weiter aus: „Auf der anderen Seite ist ein großer Teil der Bevölkerung kritisch. Die Hälfte der Sachsen glaubt etwa, dass die Gefahr, die vom COVID-19-Virus ausgeht, in den Medien übertrieben wird. 44 Prozent vermuten, dass die Regierung ‚aus Rücksicht auf die Pharmalobby […] mögliche Nebenwirkungen und Langzeitschäden der Corona-Impfstoffe‘ verschweigt. 35 Prozent sind der Meinung, die Regierung nutze die Pandemie als Vorwand, ‚um die Überwachung der Bürger voranzutreiben‘.“

Bemerkenswert ist, dass die Urteile über Corona-Maßnahmen, Impfung und Regierungshandeln je nach Region, sozialer Gruppe und politischer Orientierung höchst unterschiedlich ausfallen. Insbesondere Ost- und Südwestsachsen zeigen hier deutliche Auffälligkeiten: „In allen Bereichen der Ablehnung oder Kritik der Corona-Maßnahmen wiesen die Befragten insbesondere in den Landkreisen Görlitz, Bautzen und Erzgebirge besonders hohe, in den Landkreisen Leipzig, Nordsachsen und Vogtland besonders niedrige Werte auf“, so der Co-Autor der Studie, Maik Herold.

Für die Erhebung wurden in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut dimap insgesamt 1.008 Personen über 18 Jahre im Zeitraum vom 10. bis 15. Mai 2021 befragt. Die Ergebnisse wurden repräsentativ für Sachsen sowie vier Regionen Sachsens erhoben (Nordsachsen, Ostsachsen, Südwestsachen sowie die sächsischen Großstadtregionen) und nach Alter, Geschlecht, Bildung und Population gewichtet.

Die Studie „COVID-19 in Sachsen. Sozialräumliche und politisch-kulturelle Rahmenbedingungen des Pandemiegeschehens.“ liefert erstmalig repräsentative Ergebnisse zur Einstellung der sächsischen Bevölkerung zu den Corona-Schutzmaßnahmen und gibt Aufschluss über die Bedeutung der sozialräumlichen Verteilung und der politisch-kulturellen Faktoren in der Einschätzung und Bewertung des Pandemiegeschehen und der Maßnahmen zu deren Eindämmung.

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04.05.2021

Pressemitteilung zum Jahresgutachten des Sachverständigenrat für Integration und Migration:

Normalfall Diversität? Wie das Einwanderungsland Deutschland mit Vielfalt umgeht

Damit aus Herkunftsunterschieden keine sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten werden, muss in Deutschland integrationspolitisch nachgesteuert werden. In seinem diesjährigen Jahresgutachten gibt der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) Empfehlungen, wie politische Partizipation gestärkt und Teilhabe am Arbeitsmarkt in Deutschland verbessert werden kann.

Berlin, 4. Mai 2021. Anlässlich der anstehenden Bundestagswahl stellt sich die Frage, wie in einer Gesellschaft, die unter anderem durch Migration vielfältiger geworden ist, Chancengleichheit und politische Teilhabe besser realisiert werden können. „Wir wollten wissen, wie diese Vielfalt in Kernbereichen des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland gehandhabt wird und wie die Bevölkerung zu Diversität steht. Denn obwohl viele Menschen unabhängig von ihrer Herkunft an der Weiterentwicklung der deutschen Gesellschaft mitwirken, gibt es bei der Ausübung von Teilhaberechten und -möglichkeiten unter anderem in Politik, Kultur und auf dem Arbeitsmarkt noch Anpassungsbedarf,“ sagt Prof. Dr. Petra Bendel, Vorsitzende des SVR, bei der Vorstellung des Jahresgutachtens 2021.

Politische Partizipation stärken
Die Empfehlung des Sachverständigenrats ist deshalb klar: Die Politik muss vermeiden, dass aus Herkunftsunterschieden Teilhabeungleichheiten werden. Im Wahljahr 2021 gelte dies gerade auch für den Bereich der politischen Partizipation. Denn: Der Wahlakt setzt die deutsche Staatsangehörigkeit und auf der kommunalen Ebene die EU-Bürgerschaft voraus.

Inwieweit Zugewanderte am politischen Prozess teilhaben können, hängt also entscheidend davon ab, ob sie sich einbürgern lassen können und wollen. Im Vergleich zu anderen Einwanderungsländern gehen in Deutschland allerdings nur wenige Ausländerinnen und Ausländer diesen Schritt. 2019 waren es zum Beispiel nur 2,5 Prozent derjenigen, die die Voraussetzungen dafür erfüllten. Die rechtlich gegebenen Einbürgerungsmöglichkeiten müssen in der Praxis deshalb mehr genutzt werden, so der SVR. „Viele Länder und Kommunen haben es vorgemacht – mit gezielten Informationskampagnen und der Einführung von festlichen Einbürgerungszeremonien. Damit erhöhen sie die Einbürgerungszahlen und zeigen den Neubürgerinnen und Neubürgern, dass sie zu Deutschland gehören,“ erklärt der stellvertretende Vorsitzende Prof. Dr. Daniel Thym.

Weiter fordert der SVR, dass Parteien stärker auf Menschen mit Zuwanderungsgeschichte eingehen und sie besser in Prozesse einbinden – zum Beispiel im Rahmen einer Kandidatur bei Wahlen. Zudem solle die Frage, ob Drittstaatsangehörige ein kommunales Wahlrecht erhalten könnten, verfassungsrechtlich geprüft werden. Über Generationen hinweg zeige sich eine Angleichung in Bezug auf politische Partizipation. „Auch wenn Zugewanderte der ersten Generation sich oft noch zurückhaltend an politischen Prozessen beteiligen, gestalten ihre Kinder die deutsche Gesellschaft bereits entscheidend mit“, stellt die Vorsitzende Petra Bendel fest.

Zugang herkunftsunabhängig gestalten
Auf dem Arbeitsmarkt ist der Anteil von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in den vergangenen Jahren gestiegen. Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass in bestimmten Schlüsselbereichen – zum Beispiel dem Gesundheitssystem – auf die Mitarbeit von Beschäftigten mit Migrationshintergrund nicht mehr verzichtet werden kann. Mittlerweile haben ein Viertel aller Beschäftigten eine eigene oder familiäre Zuwanderungsgeschichte. „Trotzdem sind viele von ihnen nach wie vor benachteiligt, arbeiten in atypischen Beschäftigungsverhältnissen und erzielen im Durchschnitt ein geringeres Einkommen. Aufgrund ihrer Ausbildung oder komplizierten Anerkennungsverfahren können sie oft keine höheren formalen Qualifikationen nachweisen. Hinzu kommen Diskriminierung, fehlende berufliche und soziale Netzwerke oder unzureichende Sprachkenntnisse“, erklärt Bendel.

Während sich einige, vor allem international tätige privatwirtschaftliche Unternehmen um mehr Vielfalt innerhalb ihrer Belegschaft bemühen, hinke der öffentliche Dienst noch hinterher, stellt der SVR fest und empfiehlt mit Hospitationsangeboten, Praktika und entsprechenden Informationsangeboten gezielt Menschen mit Migrationshintergrund anzusprechen. Zudem sollten staatlich finanzierte Kultur- und Bildungseinrichtungen weiter geöffnet und zusätzliche Angebote aus Kultur und Zivilgesellschaft finanziell mehr unterstützt werden. So könne der Zugang herkunftsunabhängig gestaltet werden.

Rassismus eingehender untersuchen
Dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, gilt inzwischen als allgemein akzeptiert, wie Langzeitdaten zeigen. „Zuwanderung wird verstärkt als Bereicherung empfunden. Ungleichbehandlung aufgrund von Herkunft lehnen die Menschen vermehrt ab“, fasst die Sachverständige Prof. Dr. Claudia Diehl die Untersuchungsergebnisse zusammen. Dennoch gibt es nach wie vor Diskriminierung bspw. auf dem Wohnungs- und Ausbildungsmarkt. Studien belegen dies. Und auch wenn klassisch rassistische Einstellungen – also die Vorstellung, dass bestimmte Menschen von Natur aus minderwertig seien – kaum mehr auf Zustimmung stoßen, finden subtilere rassistische Aussagen, die auf kulturelle Merkmale zurückgeführt werden, noch Akzeptanz. Hier stellt der SVR einen klaren Forschungs- und Handlungsbedarf fest. Der Staat solle zudem als Vorbild agieren und etwa durch Fortbildungen innerhalb seiner Institutionen stärker für Rassismus und Diskriminierung sensibilisieren.

Über den Sachverständigenrat
Der Sachverständigenrat für Integration und Migration ist ein unabhängiges und interdisziplinär besetztes Gremium der wissenschaftlichen Politikberatung. Mit seinen Gutachten soll das Gremium zur Urteilsbildung bei allen integrations- und migrationspolitisch verantwortlichen Instanzen sowie der Öffentlichkeit beitragen. Dem SVR gehören neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen und Forschungsrichtungen an: Prof. Dr. Petra Bendel (Vorsitzende), Prof. Dr. Daniel Thym (Stellvertretender Vorsitzender), Prof. Dr. Viola B. Georgi, Prof. Dr. Marc Helbling, Prof. Dr. Birgit Leyendecker, Prof. Dr. Steffen Mau, Prof. Panu Poutvaara, Ph.D., Prof. Dr. Sieglinde Rosenberger und Prof. Dr. Hans Vorländer.

Das SVR-Jahresgutachten 2021 finden Sie hier: https://www.svr-migration.de/publikationen/jahresgutachten-2021/


28.04.2021

MIDEM Policy Paper
Ansprüche auf Gesundheitsleistungen für Asylsuchende in Deutschland

Katja Lindner

Die Würde des Menschen ist unantastbar – wird dieses Gebot auch bei der gesundheitlichen Versorgung von Asylsuchenden in Deutschland eingehalten? Bei der Aufnahme von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern kommt der Frage nach körperlicher und psychischer Ge­sundheit eine fundamentale Bedeutung zu. Gesundheit ist eine Bedingung erfolgreicher Integration in die Gesellschaft. Die gesundheitliche Versorgung ist geregelt durch das bundesdeutsche Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG). Die Bundesregierung sieht allein die Länder in der Verantwortung für die Interpretation und Umsetzung des AsylbLG. Dabei kommt sie bei der Frage der Gesundheitsversorgung von Asylsuchenden jedoch ihren eigenen Hausaufgaben nicht nach: Seit 2015 ist in Deutschland zwingend die EU-Aufnahmerichtlinie von 2013 umzusetzen. Dies hat Auswirkungen auf die medizinische Versorgung von Asylsuchenden. So bleibt nur die unmittelbare Rechtswirkung, die vor Gericht durchgesetzt werden kann. Die Pflicht zur Umsetzung der EU-Aufnahmerichtlinie von 2013 erhöht einen bereits bestehenden Reformdruck auf Bundesebene. Unbestimmte Rechtsbegriffe und eine unzureichende Berücksichtigung chronischer Erkrankungen im AsylbLG stehen seit längerer Zeit in der Kritik. Auch sind im bundesdeutschen AsylbLG weder die Leistungsansprüche besonders schutzbedürftiger Asylsuchender nach Definition der EU-Aufnahmerichtlinie geregelt, noch gibt es Hinweise zum Umgang mit erkrankten besonders schutzbedürftigen Asylsuchenden, die leistungsrechtlichen Sanktionen unterliegen. Hier aber bestehen verfassungsrechtliche Zweifel an der gegenwärtigen Praxis, weil mit den Sanktionsregelungen Fragen des menschenwürdi­gen Existenzminimums berührt sind. Das Policy Paper gibt einen Überblick über die rechtlichen Rahmen­bedingungen auf nationaler und supranationaler Ebene und weist unter Einbeziehung von wissenschaftlichen Forschungsbefunden Handlungsempfehlungen aus.

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15.04.2021

MIDEM Policy Paper
Arbeitsmigration während der Corona-Pandemie

Manès Weisskircher

„Der Spargel ist sicher“ – so heißt es. Aber wie steht es um die Sicherheit der Saisonarbeitskräfte? Die deutsche Landwirtschaft ist seit langem auf saisonale Arbeitsmigration aus Mittel- und Osteuropa angewiesen. Im Zuge der Corona-Pandemie stand dieses Modell auf dem Prüfstand. Zum ersten Mal wurden die Probleme der landwirtschaftlichen Arbeitsmigration öffentlich sichtbar und medial diskutiert. Vor allem die plötzliche Gefahr des Arbeitskräftemangels stand im Mittelpunkt der Debatte. Weniger war die Rede von den prekären Arbeits- und Wohnverhältnissen der mittel- und osteuropäischen Saisonarbeitskräfte, und die Frage ihres Schutzes in Zeiten der Pandemie blieb weitgehend unbeantwortet. Wiederholen sich jetzt, wo die Spargelernte ansteht, die Probleme des Vorjahres? Das aktuelle Policy Paper "Arbeitsmigration während der Corona-Pandemie. Saisonarbeitskräfte aus Mittel- und Osteuropa in der deutschen Landwirtschaft" bietet einen Überblick zur Diskussion der Erntehilfe in Deutschland.

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Aktuelle Medienbeiträge

09.09.2021, Kölnische Rundschau
Muss mehr für die Impfquote getan werden?

08.09.2021, Frankfurter Rundschau (auch erschienen in: Zeit online, Welt online, Radio Gong 96.3, Augsburger Allgemeine, Rhein-Neckar-Zeitung, Handelsblatt, Sächsiche.de, Stern.de, tz.de)
Warum im Osten weniger geimpft wird 

09.08.2021, NDR
Vorländer: Impfskepsis weit verbreitet

02.09.2021, t-online 
Was ist bloß in Sachsen los?

01.09.2021, Tagesschau 
Wo der "Impfturbo" nicht zündet

 

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Mercator Forum Migration und Demokratie

In den letzten Jahrzehnten hat sich die demographische Zusammensetzung der europäischen Gesellschaften durch Zuwanderung deutlich gewandelt. Die Zahl der Einwanderer ist in Europa spürbar gewachsen, und insbesondere in den vergangenen drei Jahren hat das Thema Migration in den Gesellschaften Europas zu neuen politischen Polarisierungen geführt. Die politischen und sozialen Herausforderungen dieser Entwicklung sind noch nicht absehbar. Notwendig sind Untersuchungen, die den Zusammenhang zwischen Migration und Demokratie erforschen.

Das Mercator Forum für Migration und Demokratie (MIDEM) fragt danach, wie Migration demokratische Politiken, Institutionen und Kulturen prägt und zugleich von ihnen geprägt wird. Untersucht werden Formen, Instrumente und Prozesse politischer Verarbeitung von Migration in demokratischen Gesellschaften – in einzelnen Ländern und im vergleichenden Blick auf Europa.

MIDEM ist ein Forschungszentrum der Technischen Universität Dresden, gefördert durch die Stiftung Mercator. Es wird von Prof. Dr. Hans Vorländer, TU Dresden, geleitet.

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